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Tage 10 - 15 - Dinge, die man lieber nicht wissen möchte...

Wie bereits aus dem 1. Teil des Titels ersichtlich, würde es keinen Sinn machen, jetzt jeden einzelnen Tag dieser Woche nieder zu schreiben. Die Arbeiten bzw. die Arbeitsabläufe wiederholen sich mehr oder weniger. Allerdings verhält sich die Anzal der pro Tag erledigten Arbeiten nun proportional zum bislang erworbenen Kenntnis- und Fertigkeitsstand. Man traut mir mehr und mehr Dinge zu. "Machen sie doch mal eben..." (zu mir) oder "das macht mal eben unsere Famulantin" (zu Patienten) höre ich immer öfter.

Ich fühle mich noch immer sauwohl und voll integriert. Man ist nach wie vor sehr bestrebt, mir viele (auch komplizierte) Sachverhalte zu erklären. Allerdings werde ich auch noch immer hin und wieder dezent von der Chefin "testiert". Wobei das selten unangenehm ist. Irgendwie schafft sie es, dass man sich dennoch nicht doof vorkommt, wenn man etwas nicht genau weiß.

Ein Highlight dieser Woche: Der Chef fragt mich, ob ich Lust hätte, bei der Blasenekstrophie-OP dabei zu sein. NATÜRLICH MÖCHTE ICH!!!! Zumal sich hier die Möglichkeit bietet, etwas ganz und gar nicht Alltägliches zu sehen (und auch noch dabei mitzumachen!!!! - und sei es nur hakenhaltend). Also stehe ich mit dem Chef und einem seiner Assistenten am Tisch....... schweigend. Na toll!!!!! SO hatte ich mir das nun wirklich nicht vorgestellt. Hey, ich bin unterhaltsame OPs gewöhnt!!!!!!!!!!! Eine knappe halbe Stunde schaue ich mir das an. Dann fasse ich allen Mut zusammen (der Schuss könnte für mich auch nach hinten losgehen und in einer Zurschaustellung von absolutem Nichtwissen enden) und stelle eine Frage. Wider Erwarten fasst er diese Frage offenbar gerne auf und fortan werden der Assi und ich zugeballert mit Fakten und Erklärungen. Als es knifflig wird, sagt er kurz entschuldigend, dass er sich nun ein wenig konzentrieren müsste, aber dass wir das Thema auf jeden Fall später wieder aufgreifen würden. Der Assi guckt mich an, ich gucke den Assi an, der Chef ist vertieft in seinem Gewusele, dass er gar nicht merkt, dass wir mit großen, ungläubigen Augen schauen. Ein bißchen Testat muss offenbar auch hier sein, und ich werde zu Laplace & Konsorten befragt. Nun bin ich diejenige, die während diverser Handlanger-Aktionen die Konzentration zusammen halten muss. WANN hab ich das letzte Mal über Laplace nachgedacht???????????????

Irgendwann frage ich den Chef, wie denn die Lebenserwartung dieses (afghanischen) Jungen sei, mit einer Neoblase in seinem Heimatland zu leben. "Wenn er nicht erschossen wird, lange"

Weitere Erläuterungen folgen: "Wir haben letztes Jahr einen Jungen aus Eritrea erfolgreich operiert. Nachdem er nach einem halben Jahr mit diversen Klinikaufenthalten bei uns wieder zuhause ankam, dauerte es gerade mal 7 Tage und er wurde erschossen....."

Ich stelle für mich fest, dass es 1. ein Geschenk ist, ein gesundes Kind zu gebären ("in der westlichen Welt ist eine Fehlbildung wie diese eine absolute Indikation zum Schwangerschaftsabbruch" ) und 2. beruhigend und gleichzeitig beschämend ist, in einem ruhigen Teil unserer Erde zu leben, wo wir uns tagtäglich Gedanken über Pille-Palle machen.

13.9.08 19:48


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Tage 16 - 18 - OP-Säle mit großen Fenstern, ein Vorteil für Erdmännchen und andere Spezies

Ich weiß ja nicht, wie es an anderen Kliniken raumtechnisch so aussieht, aber ich habe bisher noch nicht sooo viele OP-Säle mit großen Fensterfronten erlebt. Was daran jetzt so besonders ist? Ha! Man kommt nicht nur in den Genuss eines ab und an abschweifenden Blicks ins Grüne. Nein, es bieten sich auch durchaus nette Aussichten, die einem langwierige OPs versüßen können.

Die OTA, selbst nicht wirklich größer als ich, steht selbstverständlich auf einem Stüfchen. Und sie hält uns mit schöner Regelmäßigkeit darüber auf dem laufenden, was sich im Garten des Bungalows gegenüber abspielt. "Ach sieh mal einer an..... jetzt holt er die Wäschespinne raus..... kann der die überhaupt aufstellen?" Alle Köpfe fliegen rum, Blick aus dem Fenster, mitleidiges Grinsen allerseits. Wie die Erdmännchen in den bekannten Zoosendungen im TV recken wir uns, die Hände brav unter der Brust körpernah gefalten. Irgendwann wenden wir uns wieder dem OP-Geschehen zu. "Ohaaaaaaaaa, er hängt die Wäsche auch noch auf????? Das hat er ja noch nieeeeeeeeee gemacht! Ob er was gut zu machen hat?"

Nach einer weiteren Woche in diesem OP-Saal bin ich voll informiert, was gegenüber so abläuft. Sie arbeitet viel, während er mit einer ihm eigenen Vorliebe im Liegestuhl liegend (mit Schiesser Doppel-Feinripp Unterhemd über dicker Plauze) ihr freundlicherweise aufzeigt, wo noch Defizite rund ums traute Heim zu verzeichnen sind. Wenn Besuch kommt, flitzt Mutti 100 mal so gut wie einmal brav vom Haus in den Garten und wieder zurück, um es den Gästen und dem gestrengen Ehemann recht zu machen. Wir warten insgeheim diese Woche nur noch darauf, dass beide die Hüllen fallen lassen. Es sind sommerliche Temperaturen angesagt und dieses Paar ist sich offenbar nicht bewusst, dass der Verlust von hohen Hecken einige Wochen zuvor zu einem Silbertablett-Dasein geführt hat.

Irgendwie fühlen wir uns alle wie Waldorf und Stadler. Und der Anästhesiepfleger bekommt eine Ahnung davon, wie es in einer reinen Frauenrunde so abgeht. Ab und an lünkert er über den Vorhang des Kasperle-Theaters und staunt. 4 Frauen am OP-Tisch, 1 OTA, 1 OP-Springerin und 1 Anästhesistin. Irgendwie muss es sich schon herumgesprochen haben, dass es in unserem Saal immer sehr lustig zugeht und viel gelacht wird, denn außer uns sind von Tag zu Tag mehr Menschen im OP zu sehen. Und das liegt bestimmt nicht nur an den interessanten TS-Schnippel- und Schälaktionen, die manchem Mann die Farbe aus dem Gesicht treiben.

 

13.9.08 20:36


Gilt für alle Tage - das Vergängliche ist allgegenwärtig

Eine Sache muss ich definitiv noch lernen: Die Schicksale der Patienten nicht zu sehr an mich rankommen zu lassen. Auf der anderen Seite will ich nicht so ein abgestumpftes Wesen werden. Aber dass ich tagelang drüber nachdenke, geht auch nicht. Ich hoffe (bzw. bin sicher), ich werde irgendwann den Mittelweg finden.

Es ist einfach ein ganz fieses Gefühl, Zeuge zu werden, wie eine knapp über 40jährige Patientin direkt vor einem dekompensiert, als sie erfährt, dass sie ein fortgeschrittenes Harnblasenkarzinom hat und ihre Blase (und vielleicht auch ihre Kontinenz) verlieren wird. Die Konsequenz, die sich daraus ergibt, wird ihr glaub ich so langsam klar. Dass es damit nämlich nicht getan ist. Ihr steht ein langer, steiniger Weg bevor, und ob dieser am Ende von "Erfolg" (sprich Heilung) gekrönt sein wird, steht zu bezweifeln. Man steht so hilflos da, und tröstende Worte erscheinen einem nur hohl und absolut überflüssig. Es ist einfach zum Kotzen, wenn man als selbst 40jährige Frau sieht, wie schnell das Blatt sich wenden kann. Man wäre vielleicht noch in der Lage, das bange Gefühl um die eigene Gesundheit abzuschütteln - wäre da nicht die Serie, die sich gerade irgendwie eingestellt hat.

Denn just steht der nächste Patient auf der Matte, der mal eben durch einen Zufallsbefund gerade quasi sein Todesurteil in Form eines metastasierten Nierenzellkarzinoms bekommen hat. Ebenfalls gerade mal knapp über 40 Jahre. Da sitzt ein gestandener Mann vor einem, Familienvater von zwei kleinen Kindern (jünger als meine Tochter) und Ehemann einer sehr netten Frau, und versucht, die Fassung zu wahren und Optimismus auszustrahlen. Und im Gespräch wird versucht, die Wahrheit so schonend wie möglich rüber zu bringen. Auf dem Röntgenbild sieht ein solcher Befund so nüchtern aus, so fremd irgendwie. Aber wenn man während der OP das Organ mit den Händen umfasst und das ganze Ausmaß sieht, wird einem anders. Da ist der Gedanke an die eigene Gesundheit und das eigene Kind wieder da. An solchen Tagen ist es auch im OP deutlich ruhiger. Auch das könnte man vielleicht so gerade eben noch halbwegs abschütteln, würde da nicht direkt am Anfang der nächsten Woche wieder eine viel zu junge Patientin mit ähnlichem Befund zur OP anstehen, die vor 4 Tagen noch kerngesund erschien und im Grunde noch ein langes Leben vor sich zu haben schien.

Ich hoffe, die Serie hat jetzt bald ihr Ende erreicht. Es reicht!

13.9.08 23:22





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